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Searena: Das schwimmende Stadion

Fußball wird in jedem Land dieser Erde gespielt und ist die meist gesehene Sportart weltweit - 75 % der Weltbevölkerung schauen Fußball. Bei Weltmeisterschaften kommen dann noch die restlichen 25 % hinzu - zumindest gefühlt.

Wird ein Land ausgewählt eine Weltmeisterschaft auszutragen, so werden meist Milliardenbeträge in Sportstätten, Verkehrsinfrastruktur und Hotels investiert.
Prestigebauten werden für die Großereignisse maßgeschneidert errichtet, um die ausrichtenden Länder im "rechten Licht" zu präsentieren. Die meist überdimensionierten Bauten erweisen sich ohne Nachnutzungskonzept in diesen Fällen oft als problematisch - im ökologischen und ökonomischen Sinn.

Masterstudent Jarek Siwiecki hat sich in seiner Masterarbeit intensiv mit dem Thema beschäftigt.
Da die Fußball-WM 2020 erstmals über mehrere Länder verteilt stattfinden wird, hat er sich zum Ziel gesetzt, ein schwimmendes Stadion zu entwerfen, das universell einsetzbar ist.

37 der 54 europäischen Nationalverbände sind an das Meer angebunden - beste Voraussetzungen
für eine maritime Arena. Der Vorteil: Das Stadion ist nicht für einen Ort bestimmt,
sondern wandert zwischen verschiedenen Ländern und Städten.

Durch das Konzept der "Searena" kann eine neue Typologie von schwimmenden Bauwerken entstehen,
die multifunktional einsetzbar sind. Sei es für Olympische Spiele, Konzerte, Sportveranstaltungen oder andere Großereignisse - der Grundgedanke des Entwurfs setzt auf einen nachhaltigen Umgang mit Bauten für den temporären Bedarf.

Die Grundform der "Searena" ist ein Kreis. Diese Form wurde von Jarek Siwiecki bewusst gewählt,
da sich das Gebäude in keinem direkten städtebaulichen Kontext befindet.
Durch diesen Umstand kann es auch keine ortstypische Richtung aufnehmen. Das rechteckige Spielfeld ist der Ausgangspunkt, von dem sich geometrisch die Zuschauerränge nach oben aufreihen bis sie die perfekte Kreisform ergeben. Durch diese "Aufreihung" entsteht eine wellenartige Oberrangtribüne. Aus diesen Wellen leitet sich die Tragstruktur ab - sie fügt sich ebenfalls "wellenförmig" um den "Stadion-Kreis".

Die Aufteilung der einzelnen Ränge ermöglicht jedem Zuschauer eine optimale Sicht auf das Spielfeld. Alle Sitzplätze befinden sich im Sichtkreisfeld von 190 m - dabei ein Großteil im perfekten Sichtabstand von 90 m.

Große Öffnungen unterhalb der Tribünen schaffen vier beruhigte Hafenbereiche, an denen die Zubringerfähren oder Privatboote anlegen können. Dort befinden sich auch die öffentlichen Einrichtungen an der Hafenpromenade. Den Besuchern werden Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten geboten. Dadurch kann die "Searena" auch außerhalb der Veranstaltungszeiten den Besuchern zur Verfügung stehen.

ACO hat den Masterstudenten Jarek Siwiecki zu seiner Masterarbeit und zur Schnittstelle Architektur_Wasser interviewt.

ACO: Woher kam die Motivation, in der Masterarbeit das Thema "Architektur + Wasser" zu behandeln?

Jarek Siwiecki: Die Idee entwickelte sich aus der Thematik ein Stadion zu entwerfen, das nicht ortsgebunden ist und dessen Nutzen nicht auf ein Event maßgeschneidert sein sollte.
Der Aufhänger hierbei war die WM 2020, die zum ersten mal in mehreren europäischen Ländern gleichzeitig ausgetragen werden soll.
In Zeiten wirtschaftlicher Krisen scheint es zweifelhaft alle zwei bis vier Jahre Milliardensummen in maßgeschneiderte Stadien zu investieren, deren Nachnutzung oft noch höhere Folgekosten verursacht als der Bau selbst, wie zu sehen in Südafrika oder der letzten EM in Polen und der Ukraine.
Der Ansatz eines mobilen Stadions auf dem Wasser ist insofern attraktiv, als dass es für die jeweiligen Sport- oder Freizeitevents einfach an die jeweilige Stadt transportiert werden und für einen bestimmten Zeitraum genutzt werden kann.
Es entsteht ein touristischer Anziehungspunkt, der Impulse setzt und von dem die Stadt profitiert, ohne sich dauerhaft an die Arena binden zu müssen.

ACO: Es gibt zwei Einflussfaktoren, die das platzierte Stadion "in Bewegung" bringen können. Die Bewegung der Menschen vor Ort und der Wellengang des Gewässers. Wie hält das Stadion das Gleichgewicht während eines Fußballspiels?

Jarek Siwiecki: Das Stadion wird vor der Küste zunächst im Meerboden verankert, sodass es seine Position halten und nicht weggetrieben werden kann.
Der Einflussfaktor Wasser ist sicherlich der stärkere, da man davon ausgehen kann, dass sich die Menschenmassen im Stadion durch die symmetrische Form gleichmäßig verteilen werden.

Mit einem Durchmesser von etwa 305 m hat das Stadion in etwa eine Länge wie das Kreuzfahrtschiff "Queen Mary".

Selbst bei hohem Wellengang erfährt man aufgrund der Trägheit der Masse auf so einem Schiff nur geringfügige Schwankungen.
Die Form des Stadions spielt natürlich eine besondere Rolle, da sie ungerichtet ist und somit keine angreifbare Fläche an Steuer- und Backbord, wie bei Schiffen, bietet.
Der sogenannte "Schwimmer", der sich im Wasser befindet und die für den Auftrieb notwendigen Luftkammern beinhaltet, sorgt mit seiner Masse für die Balance des Stadions und lässt sich, je nachdem wie be- oder entladen das Stadion ist, sogar fluten.

ACO: Haben Sie Vorbilder - Architekten oder Entwürfe -, die Sie für dieses spannende Thema Ihre Master Arbeit inspiriert haben?

Jarek Siwiecki: Geprägt wurde ich in meiner Ausbildung vom Paradigma "form follows function".
Auch wenn es sich nicht immer auf alles übertragen lässt, versuche ich beim Entwerfen die Form von der Funktion bestimmen zu lassen und eine innere Logik zu finden, an der sich alles andere orientiert.
Ich habe eigentlich keine direkten Vorbilder, denke aber, dass die visionären Ideen eines Buckminster Fuller oder die klare Formensprache eines Mies van der Rohe einen großen Einfluss auf die Herangehensweise an Architektur für mich haben.

Ein Professor von mir hat in einem Interview mal gesagt:

"Unser Job als Architekten ist - kurz gesagt - die Welt besser zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben."

Auch wenn es ein wenig nostalgisch klingt, denke ich, ist das ein guter Ansporn, um Architektur zu machen.

 

Die Masterarbeit von Jarek Siwiecki ist an der RWTH Aachen entstanden.
Betreut wurde die Arbeit von Univ. Prof. Dr.-Ing. Dirk Henning Braun | Lehrstuhl Gebäudetechnologie und von Prof. Marek Nowak (GMP Architekten) | Lehrstuhl Konstruktives Entwerfen Alanus HS Bonn


 

 

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