Schnittstelle _ architektur _ wasser

„Pacific Garbage Screening“: eine Masterarbeit an der RWTH Aachen

Das Leben in und auf dem Wasser könnte so schön sein - doch wie so oft im Leben, gibt es auch Schattenseiten. Unmengen von Kunststoff-Müll treiben auf den Weltmeeren. Die Müllstrudel verteilen sich mittlerweile auf Gesamtfläche von ca. 1.760.000 km2. Allein im Nordpazifik schwimmen ca. 100.000.000 Tonnen Kunststoffmüll. Und es hört nicht auf: Jeden Tag landen weitere 350 Tonnen Kunststoffmüll im Wasser.

 

Eine Lösung muss her! Das dachte sich auch die Architekturstudentin Marcella Hansch und machte das Thema zu Ihrer Masterarbeit. Sie entwarf das "Pacific Garbage Screening", eine funktionale, autarke und CO2 neutrale Plattform, die im Meer verankert ist und den Müll wieder einsammelt, um ihn dann weiterverarbeiteten zu können.

Die funktionale Architektur fasziniert vom ersten Augenblick. Die schwimmende Plattform erinnert mit ihren weißen, filigranen Streben an die abstrakte Darstellung eines auf den Rücken gedrehten Buckelwals. Diese Streben des biomorphen Gebildes weiten sich im "vorderen" Bereich auf und dienen so der Beruhigung des Wassers. Durch ihre Konstruktionsart verlangsamen die Streben die Fließgeschwindigkeit des Wassers und funktionieren wie eine umgekehrtes Sedimentierbecken. Dort wird auf der Oberfläche das schwimmende Plastik vom Wasser getrennt um es weiterverarbeiten zu können.

 

Der "hintere" Bereich der Plattform besteht aus zwei Teilen. In dem oberen Teil befindet sich der Wohnbereich für die 40-Köpfige Crew. Neben Sport- und Freizeiträumen sind dort die Schlafsäle und die Küche untergebracht. Im unteren Bereich sind die Anlagen zur Weiterverarbeitung der Kunststoffteilchen vorgesehen. Da sinnvolles Recycling aufgrund der langjährigen Zersetzung der Teilchen im Wasser nicht mehr möglich ist, hat sich die angehende Architektin etwas Besonderes einfallen lassen. Der Kunststoff wird in einer Plasmagasanlage zu Wasserstoff und Kohlendioxid umgewandelt. Diese beiden Elemente werden als Energieträger genutzt. Der Wasserstoff wird dann weiterverwertet, indem er in Brennstoffzellen geleitet und zur Stromerzeugung genutzt wird. Mit dem Kohlendioxid werden Algenkulturen angereichert. Diese befinden sich in schwimmenden Säcken, die an den Kanälen der Plattform befestigt sind. Die Algenkulturen werden durch Kohlendioxid und Schwefel genährt. Entzieht man den Algen im späteren Schritt den Schwefel, beginnen sie anstatt Sauerstoff Wasserstoff zu produzieren. Der gesamte Prozess läuft autark und CO2 neutral ab.

Bei so viel innovativen Ideen zur Schnittstelle architektur_wasser sind wir Neugierig geworden und haben Marcella Hansch kurzerhand zu ihrem Projekt interviewt.

ACO.architektur: Woher kam die Motivation, in der Masterarbeit das Thema "Architektur + Wasser" zu behandeln?

M.Hansch: Ich habe von dem Problem der Verschmutzung der Weltmeere gelesen. Oft wurde erwähnt, dass es bislang und wohl auch in Zukunft keine Möglichkeiten gibt, dieses Problem zu lösen. Das hat mich angespornt und ich habe mich sehr intensiv mit der Thematik beschäftigt. Darüber hinaus hat es mich gereizt ein Thema außerhalb der 'konventionellen' Architektur zu bearbeiten. Durch den Klimawandel wird in der Zukunft das Thema Wasser und Architektur immer wichtiger. Man denke nur an schwimmende Bauten, die in Überschwemmungsgebieten eingesetzt werden können.

ACO.architektur: Es handelt sich in erster Linie um eine funktionale Architektur (Form follows function). In wieweit konnten Sie dennoch Einfluss auf die Ästhetik bzw. Gestaltung nehmen?

M.Hansch: Die Grundform des Entwurfes richtet sich sehr stark nach Strömungsanalysen und der Funktionalität. Dennoch war das Ziel der Arbeit natürlich, eine ästhetisch ansprechende Architektur zu gestalten. Durch die gründliche Recherche und Analyse im Vorfeld ist jede Form begründbar. Die Ästhetik wird im Zusammenspiel der einzelnen Faktoren sichtbar. Das Dach beispielsweise entsteht aus der Fortsetzung der einzelnen Rippen, was zu fließenden Formen führt. Diese sind sowohl ästhetisch ansprechend, als auch funktional, da hohen Wellen somit keine Angriffsfläche geboten wird.Auch die Seitenanleger für die Versorgungsschiffe ergeben sich aus einer Strömungsanalyse. Es werden ruhige Hafenbecken geschaffen. Die äußeren, sich aufweitenden Elemente geben der Struktur Stabilität und der Form darüber hinaus eine spannungsvolle Optik.

ACO.architektur: Gibt es eine konkrete Anfrage bzw. einen konkreten Ansatz, dass Ihr Projekt realisiert wird?

M.Hansch: Während meiner Recherche habe ich Kontakt zu einigen Umweltorganisationen aufgenommen, die mir weitere Fakten zu den entsprechenden Themen geben konnten. Das Problem einer Realisierung wird darin bestehen, dass die Müllstrudel sich außerhalb der Hoheitsgewässer befinden. Faktisch ist also niemand für den Müll verantwortlich. Dennoch möchte ich mit meiner Arbeit weitere Institutionen und Organisationen ansprechen, um einen Lösungsansatz für das Problem vorzuschlagen. Darüber hinaus wäre es natürlich hervorragend, wenn sich Investoren für ein solches Projekt finden würden.

Betreut wurde die Masterarbeit von Marcella Hansch an der RWTH Aachen durch die Professoren am Lehrstuhl für Gebäudetechnologie, Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dirk Henning Braun und am Lehrstuhl für Tragkonstruktionen, Univ.-Prof Dr.-Ing. Martin Trautz.

Mehr Informationen zu dem Projekt "Pacific Garbage" finden Sie hier.

 


 

 

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